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DEPRESSIVE  HEILEN  DEPRESSIVE

 

Wer selbst in der Psychiatrie war, kann später anderen Kranken oft besser helfen als Ärzte - lautet das Credo einer europaweiten Initiative.

Dr. BETTINA GARTNER, ehema­lige bdw (Bild der Wissenschaft)- Redakteurin, ist be­eindruckt vom Lebensmut, den viele frühere Psychiatriepa­tienten wieder gefunden haben.


ALLES IST GRÜN in der Geschäftsstelle der Bremer "Initiative zur sozialen Rehabilita­tion": der Fußboden, die Vorhänge, selbst die Kaffeetassen, die verteilt werden.

 

Die Farbe ist Symbol - denn Hoffnung verbindet die fünf Frauen und vier Männer, die ihre Stüh­le im Halbkreis angeordnet haben und sich reihum vorstellen.

"Hallo", sagt ein braun­haariger Mann Mitte 40. "Ich bin Harald und habe Psychiatrie- Erfahrung." "Hallo", sagt seine Nachbarin mit Kurzhaarschnitt und Brille. "Ich bin Beatrix und habe Psy­chiatrie- Erfahrung."

 

Die Namen und Ge­sichter ändern sich, doch die Botschaft bleibt:

 

"Ich habe Psychiatrie- Erfahrung."

 

Die Worte klingen nicht wie ein Bekenntnis, sondern wie eine Bestätigung dafür, dass je­der die Voraussetzung hat, das gemeinsame Ziel zu erreichen: "Experte durch Erfahrung in der psychosozialen Versorgung" zu wer­den. So heißt der Titel, den die Beteiligten nach Ende der Ausbildung verliehen bekom­men.

In dem Ausbildungsprogramm EX-IN (Experienced- Involvement) sollen Menschen wie Harald und Beatrix, die an psychischen Krankheiten wie Depressionen, Schizophre­nie, Angstattacken, Psychosen, posttraumati­schen Belastungsstörungen oder dem Border­line- Syndrom leiden, zu Dozenten in der psychiatrischen Ausbildung und zu Mitar­beitern in sozialen Diensten werden.

 

„AUS DEM MAKEL DER KRANKHEIT WIRD ERFAHRUNG“

Sie schlüpfen aus der Rolle des Patienten in jene des Beraters und Betreuers. "Wer eine seelische Krise erlebt hat, weiß, was es be­deutet, anders zu sein, von Ärzten abhängig zu werden, psychisches Leid zu ertragen und die Auswirkungen auf Körper und Seele zu spüren", sagt der Bremer Sozialarbeiter und Leiter des Projekts Jörg Utschakowski. In der Sucht- und Aidshilfe gehört die Mitar­beit von Betroffenen längst zum Alltag. In der psychiatrischen Versorgung ist diese Vorstellung - zumindest in Deutschland - ­für viele noch befremdlich.

Kann man einem Menschen vertrauen, der schon einmal ausgerastet oder gar gewalt­tätig geworden ist? Hat er den nötigen Halt gefunden, um anderen die Hand zu reichen? Hält er den Belastungen stand - oder können sie sogar einen Rückfall auslösen? "Eine Krise kann immer wieder auftreten", sagt Utschakowski. "Aber man kann lernen, da­mit umzugehen, indem man seine Erfah­rungen reflektiert, strukturiert und anderen vermittelt."

 

ERFAHRUNG MIT DEM ANDERSSEIN

Das Ausbildungsprogramm ist ein deut­sches Gewächs, das international Wurzeln schlägt. Daran beteiligen sich Selbsthilfe­gruppen, Bildungseinrichtungen und psy­chiatrische Dienste aus Norwegen, Schwe­den, England, Holland, Slowenien und Deutschland. Jedes Land entwickelt einen speziellen Unterricht für den Grund- und Aufbaukurs. In 250 Stunden werden The­men wie "Erfahrung des Andersseins", "Ge­sundheits- und Sozialsystem“, "Gesprächs­führung“, und "rechtliche Grundlagen" be­handelt. Die Ausbildung, die von der EU ge­fördert wird, soll - so das Ziel der Verant­wortlichen - von den Krankenkassen aner­kannt werden, um den Absolventen eine angemessene Entlohnung für ihre Arbeit zu garantieren. Dadurch verbessert sich nicht nur der Status der Beteiligten: Aus dem Ma­kel der psychischen Krankheit wird wertvol­les Erfahrungswissen.

Etwa jeder dritte Deutsche hat mindestens einmal im Leben eine psychische Krise, be­sagen die Zahlen des Vereins "Aktion Psy­chisch Kranke".

Das Denken und Fühlen gerät außer Kontrolle, das Selbstbild ist er­schüttert, das Vertrauen in bisher selbstver­ständliche Fähigkeiten schwindet. Wenn Selbstmord droht oder die Gefahr, andere zu verletzen, erfolgt oft die Zwangseinweisung in die Psychiatrie.

Dabei sollte es niemandem so ergehen wie Rüdiger, der vor sieben Jahren eingeliefert wurde und den man monatelang nicht auf­klärte, was ihm fehlte, fordern die "Exper­ten aus Erfahrung".

Und niemand sollte sol­che Erinnerungen haben wie Marion: "Es gibt nur Medikamente, sonst wird man völ­lig allein gelassen. Man sitzt rum und wartet auf die nächste Mahlzeit."

Als Genesungs­begleiter in sozialen und psychiatrischen Diensten wollen die EX-IN-Betreuer den Pa­tienten allein mit ihrer Anwesenheit zeigen, dass es möglich ist, mit einer psychischen Krankheit umzugehen.

"Es geht nicht darum, den richtigen Weg aus der Krise zu zeigen", sagt Utschakowski, "den muss jeder selbst finden. Vielmehr soll eine verständnisvolle Atmosphäre geschaffen werden." Die meisten Patienten würden kaum ihre Rechte kennen - etwa, dass sie bei Zwangseinweisungen einen Rechtsanwalt hinzuziehen oder die eigene Akte einsehen dürfen. Sie wüssten wenig über Selbsthilfegruppen und die Alter­nativen zur Behandlung in der Psychiatrie.

 

MEDIKAMENTE MACHEN RASCH HILFLOS

Eine solche Alternative ist das Weglaufhaus in Berlin, in dem 13 Betroffene für 9 Monate aufgenommen werden. Viele Patienten ver­suchen dort, ihre Psychopharmaka abzuset­zen. Diese Medikamente greifen in den Stoffwechsel des Gehirns ein, der bei psy­chischen Störungen aus dem Gleichgewicht geraten ist. Ein Überschuss des Botenstoffs Dopamin im Bereich des limbischen Sys­tems und eine Unterversorgung im Stirn­hirn sind typisch für eine Psychose, ein zu geringer Serotonin- und Noradrenalin- ­Spiegel sind dagegen typisch für eine Depression.

Die Psychopharmaka blockieren oder modifizieren die Rezeptoren der Boten­stoffe - und verändern so indirekt deren Konzentration. Was dabei im Körper genau geschieht, ist unklar. "Für jede Diagnose gibt es eine Vielzahl an Mitteln – insgesamt

 

 

Oft muss jahrelang nach dem geeigneten Präparat und der richtigen Dosierung gesucht werden, meist mit Nebenwirkungen: die Glieder werden unru­hig, der Speichelfluss steigt. "Medikamente führen schnell in die Hilflosigkeit", sagt Harald.

Er hinkt und sein Mundwinkel zuckt, weil die Psychopharmaka ihn dauer­haft geschädigt haben. Er sagt, das Mitspra­cherecht der Patienten bei der Odyssee durch den Medikamentensumpf sei gering.

Statt Psychopharmaka fordern die "Exper­ten durch Erfahrung" mehr Gesprächs- und Beschäftigungstherapien. Während die Schulmedizin vor allem die physische Seite der psychischen Leiden beleuchtet - wie den gestörten Stoffwechsel im Gehirn -, sehen viele Betroffene in diesem Ungleich­gewicht nur ein Symptom.

Der Psychologe Uwe Bening, der mit Utschakowski die EX-IN-Initiative organisiert, bezeichnet eine seelische Krise als "Erbrechen der Psyche".

Was im Inneren verdrängt, vergessen, tabu­isiert und unterdrückt wurde, würde nach außen gekehrt.

Das psychotische Erbrechen sei wie das Erbrechen des Körpers "eine sinnvolle Abwehr- und Selbsterhaltungs­funktion, die allerdings für den Menschen selbst und seine Umwelt unangenehm, an­strengend, vielleicht sogar peinlich ist".

Und Utschakowski betont: "Ärzte verfügen zwar über psychiatrisches Wissen, aber ihnen fehlt oft das Verständnis für die Situation des Betroffenen. Bei einer Befragung in Schweden gaben viele Patienten an, wäh­rend ihres Aufenthaltes in der Psychiatrie sei die Raumpflegerin die beste Bezugsper­son gewesen, weil sie sich Zeit genommen und offen über Dinge gesprochen habe."

„Eine Seelenkrise ist das Erbrechen der Seele“

Zwar tauschen Psychiatrie- Erfahrene, An­gehörige und Ärzte bereits seit den Acht­zigerjahren in so genannten Psychose-Semi­naren ihre Erfahrungen aus.

Doch das EX-lN-Projekt geht einen Schritt weiter: Es verankert diesen Austausch in der psychi­atrischen Ausbildung.

Eine solche "Exper­tenpartnerschaft" gibt es in Bremen, wo Psychiatrie- Erfahrene und Ärzte seit fünf Jahren Workshops und Vorträge für Kran­kenpfleger und Studenten anbieten. Eines ihrer Themen ist das "Stimmenhören": "Die angehenden Ärzte und Pfleger müssen ler­nen zu verstehen, dass diese Stimmen für die Betroffenen so real sind wie meine Stim­me jetzt", sagt Thorsten Mährländer.

Um diese Erfahrung zu vermitteln, lässt er die Teilnehmer Gespräche führen und stellt ihnen in Gestalt anderer Kursteilnehmer "Stimmen" in den Rücken, die pausenlos auf sie einreden. Eine simple Methode - mit starker Wirkung. "Die meisten sagen am Ende, sie würden verrückt werden, wenn das ewig so weiterginge", berichtet Mährländer.

 

DER ERFOLG IST MESSBAR

Eine weitere Aufgabe der "Experten durch Erfahrung" ist die Mitarbeit in Forschung und Beratung. In Deutschland lassen immer mehr Institutionen - etwa Einrichtungen für betreutes Wohnen - ihre Angebote von Psychiatrie- Erfahrenen prüfen.

In Holland werden Betroffene von den Krankenkassen nach ihrer Zufriedenheit befragt, wenn es um die Pflegesätze von Behandlungsein­richtungen geht.

In England, den USA und Australien sind Ex-Patienten in die psychi­atrische Forschung eingebunden, prüfen Konzept und Finanzierung, schreiben Gut­achten und entwickeln Fragebögen.

In Zahlen fassen lassen sich die Vorteile der "Experten durch Erfahrung" nur schwer. Messbar ist, dass Psychiatrie- Erfahrene in der Lage sind, in wenigen Monaten stabile Arbeitsbeziehungen zu gewaltbereiten und abweisenden Patienten herzustellen, wäh­rend andere Mitarbeiter erst nach etwa einem Jahr den Zugang finden - wie der Psy­chologieprofessor Larry Davidson von der Yale University School of Medicine in New Haven 2006 zeigte.

Bleibt die Frage, wie Ärzte und Pfleger reagieren, wenn ehemalige Betroffene als "Psycho-Profis" auftreten. Eine Metastudie der University of North Carolina macht deutlich, dass der Kontakt mit Psy­chiatrie- Erfahrenen bei Ärzten und Auszubil­denden vor allem eine größere Akzeptanz gegenüber psychisch Kranken schafft und das Verständnis dafür schärft, wie wichtig individuelle Behandlungen sind.


Die EX- IN-­ Absolventen wollen jenem chinesischen Sprichwort den Weg ebnen, das ihnen aus der Seele spricht:

 

"Willst du etwas wissen, frage Erfahrene, nicht Gelehrte."


Mehr zum Thema finden Sie im Internet. Das Projekt stellt sich vor unter:

 

Gefunden in: Bild der Wissenschaft 12.1.2007 /87

 

Literaturhinweis:

Knuf Andreas

SELBSTBEFÄHIGUNG FÖRDERN

Empowerment und psychiatrische Arbeit

Bonn Psychiatrie-Verlag 2007.

Preis: 22,90- €


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Psychosoziale Selbsthilfe Thüringen: Lebensumwege e.V.  | info@lebensumwege-ev.de